Demokratie lebt vom Gespräch – Vize-Generalkonsulin Israels zu Gast an der Hedwig-Dohm-Schule

Wie spricht man über einen der schwierigsten Konflikte unserer Zeit? Indem man vorbereitet ist, kritische Fragen stellt, aufmerksam zuhört  und bereit ist, auch andere Perspektiven kennenzulernen.

Genau das erlebten die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe, die Klasse 12 -3, beim Besuch der Vize-Generalkonsulin des Staates Israel, Silvia Berladski Baruch, an der Hedwig-Dohm-Schule. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Frau Staiger und begleitet von einem Sicherheitsbeamten stellte sie sich trotz hochsommerlicher Temperaturen rund eineinhalb Stunden lang den Fragen der Klasse.

Es entwickelte sich ein Gespräch, das in weiten Teilen auf englisch geführt wurde und von Anfang an von gegenseitigem Respekt geprägt war. Die Schülerinnen hielten mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berg, fragten nach und gaben sich mit einfachen Antworten nicht zufrieden. Gleichzeitig waren sie bereit zuzuhören. Denn genau das macht ein echtes Gespräch aus: verstehen zu wollen, was das Gegenüber sagt.

Wochenlange Vorbereitung

Dem Besuch waren mehrere Wochen intensiver Vorbereitung vorausgegangen. Die Schülerinnen recherchierten zur politischen Situation in Israel, zur Unterstützung der Regierung Netanjahu, zur Siedlungspolitik, zur Zwei-Staaten-Lösung, zum Alltag israelischer Jugendlicher, zur Arbeit des diplomatischen Dienstes sowie zur internationalen Wahrnehmung Israels.

Gerade bei einem Thema, das weltweit emotional und häufig sehr kontrovers diskutiert wird, ging es dabei um weit mehr als Faktenwissen. Die Schülerinnen verglichen Quellen, überprüften Aussagen, diskutierten unterschiedliche Perspektiven und entwickelten daraus ihren Fragenkatalog. Entstanden war kein höflicher Small Talk, sondern ein anspruchsvolles Gespräch, das die Diplomatin ebenso forderte wie die Klasse selbst.

Politische Lage und Unterstützung der Regierung

Zu Beginn wollten die Schülerinnen wissen, wie groß die Unterstützung der aktuellen israelischen Regierung in der Bevölkerung sei.

Die Vize-Generalkonsulin erklärte, die Regierung sei demokratisch gewählt worden und stehe im Herbst erneut zur Wahl. „Everything can happen.“ In Israel werde intensiv über Politik gestritten, Demonstrationen gehörten zum demokratischen Alltag.

Als Besonderheit des israelischen Wahlsystems erläuterte sie, dass es – anders als in Deutschland – keine Fünf-Prozent-Hürde gebe. Dadurch säßen zahlreiche kleinere Parteien in der Knesset, was stabile Regierungskoalitionen erheblich erschwere.

Die Siedlungspolitik – einer der kontroversesten Punkte

Ausführlich diskutiert wurde anschließend die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland. Die Schülerinnen fragten offen, ob gerade sie nicht eines der größten Hindernisse für einen dauerhaften Frieden darstelle.Die Diplomatin erläuterte die israelische Sichtweise. Viele Siedler verstünden sich selbst als Schutzwall für die Sicherheit Israels. Gerade das bergige Gelände des Westjordanlandes ermögliche die Kontrolle strategisch wichtiger Bereiche, unter anderem rund um den internationalen Flughafen.

Gleichzeitig räumte sie ein, dass über Siedlungen künftig verhandelt werden müsse. Manche könnten aufgegeben werden, andere seien inzwischen Städte mit weit über 100.000 Einwohnern geworden.

Die Schülerinnen hakten nach: Wenn die internationale Gemeinschaft diese Politik so deutlich kritisiere – müsse Israel dann nicht umdenken?

Die Konsulin entgegnete, Kritik allein löse das Sicherheitsproblem Israels nicht. Sie erinnerte an frühere israelische Gebietsräumungen.

„When we pulled out of Gaza, we got Hamas. When we pulled out of Lebanon, we got Hezbollah.

Israel sei von Staaten und Organisationen umgeben, die seine Existenz ablehnten. Deshalb werde Israel ihrer Einschätzung nach dauerhaft auf militärische Sicherheitsstrukturen angewiesen bleiben.

Alltag zwischen Schule und Sirenen

Besonders eindrucksvoll wurde das Gespräch, als die Schülerinnen nach dem Alltag junger Menschen in Israel fragten.

Wie lebt man als Schülerin oder Schüler in einem Land, das seit Jahrzehnten von Terroranschlägen, Raketenalarm und Kriegen geprägt ist? Die Antwort der Diplomatin war persönlich.

„You cannot understand. Your life is warm and safe.

Während junge Menschen in Deutschland in Frieden aufwachsen, gehörten in Israel Sirenen, Schutzräume und eine ständige Aufmerksamkeit zum Alltag. Bombenanschläge und Raketenangriffe habe es bereits lange vor dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober gegeben. Nach der Schule leisten Frauen und Männer zwei bis drei Jahre Wehrdienst.

Schwierige Fragen zum Krieg

Die Schülerinnen sparten auch die schwierigsten Themen nicht aus.

Sie fragten nach den vielen zivilen Opfern im Gazastreifen, nach möglichen Kriegsverbrechen, nach dem humanitären Völkerrecht und danach, warum unschuldige Menschen nicht besser geschützt werden könnten.

Die Vize-Generalkonsulin beantwortete diese Fragen aus Sicht der israelischen Regierung. Sie betonte, Israel sei als demokratischer Staat an internationales Recht gebunden. Gleichzeitig verwies sie auf die militärische Strategie der Hamas, Infrastruktur unter Wohnhäusern, Schulen und Krankenhäusern zu errichten und den Gazastreifen großflächig zu untertunneln. Dadurch seien militärische Einsätze außerordentlich schwierig.

Auf die Frage nach möglichen Kriegsverbrechen erklärte sie, dass entsprechende Vorwürfe untersucht würden und strafbare Handlungen verfolgt werden müssten.

Auch die Frage nach Flüchtlingen griffen die Schülerinnen auf. Die Diplomatin verwies darauf, dass sich auch Nachbarstaaten wie Ägypten geweigert hätten, ihre Grenzen für größere Flüchtlingsbewegungen dauerhaft zu öffnen.

Israels Bild in der Welt

Ein weiteres Thema war die internationale Wahrnehmung Israels. Die Schülerinnen wollten wissen, ob sich Israels Image seit dem Terrorangriff der Hamas verändert habe.

Die Konsulin beantwortete dies eindeutig mit Ja. Vor dem 7. Oktober habe Israel international deutlich mehr Sympathie erfahren. Heute werde das Land vor allem über den Krieg wahrgenommen. Gleichzeitig betonte sie das israelische Selbstverständnis, sich gegen Terror verteidigen zu müssen.

Sie erinnerte daran, dass die Hamas ihre Massaker ausgerechnet in jenen Grenzregionen verübt habe, in denen Israelis und Palästinenser zuvor besonders eng zusammengelebt hätten. Viele Palästinenser seien vor dem Krieg in israelischen Krankenhäusern behandelt worden oder hätten in Israel gearbeitet. Zum Schluss wollten die Schülerinnen wissen, was Israel gegen sein Imageproblem tun könne.Die Antwort der Diplomatin kam spontan und mit einem Lächeln:

„Go and visit us.

Mehr gelernt als Fakten

Für die Klasse war der Besuch weit mehr als eine Unterrichtsstunde über den Nahostkonflikt.

Die Schülerinnen und Schüler erlebten unmittelbar, wie Diplomatie funktioniert. Sie merkten, wie wichtig sorgfältige Recherche ist, wie unterschiedlich dieselben Ereignisse bewertet werden können und dass Demokratie davon lebt, Fragen zu stellen, zuzuhören und Positionen kritisch zu prüfen.

Niemand musste am Ende derselben Meinung sein. Genau darin lag der Wert dieser Begegnung.  Die Hedwig-Dohm-Schule bedankt sich herzlich bei Silvia Berladski Baruch für ihre Offenheit und die Zeit, die sie sich für den Austausch mit unseren Schülerinnen und Schülern genommen hat. Denn Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Ort des Gesprächs.

Verfasser: Juliane Becker